Ausführlicher Bericht aus Haiti: Ärztin Tabea Hochstetter

Sonntag, 28. Februar 2010 - 21:42

Einen sehr ausführlichen Bericht von Tabea Hochstetter, Ärztin in der internistischen Weiterbildung in Frankfurt über Ihren Einsatz mit DEMIRA freuen wir uns heute veröffentlichen zu können.

Am Dienstag, den 12.01.2010 um 21:53Uhr mitteleuropäischer Zeit und 16:53Uhr Ortzeit ereignete sich eine gute Stunde vor Einbruch der Dunkelheit ein Erdbeben der Stufe 7,0 auf der Moment-Magnituden-Skala, welches zu einer Verschiebung der Karibischen und der Nordamerikanischen Erdplatten um ca. 2m führte.  Das Epizentrum des Bebens befand sich in 13km Tiefe unter der Stadt Carrefour, ein Vorort der Hauptstadt Port-au-Prince. Das Beben forderte insg. ca. 300.000 Todesopfer, nochmal so viele Verletze und machte ca. 1,2 Mio Menschen obdachlos.

Schnell machte sich in der Welt die Nachricht einer verheerenden Naturkatastrophe breit. Die ersten Hilfstrupps kamen aus der benachbarten Dominikanischen Republik, denen die Organisation und Bereitstellung der Hilfe durch die hereinbrechende Nacht und fehlender entsprechender Infrastruktur massiv erschwert wurde. In den nächsten Tagen wurden die betroffenen Gebiete in und um Port-au-Prince und v.a. südwestlich davon nach und nach zum Schauplatz unzähliger internationaler Hilfsorganisationen.

So startete am Samstag, den 16.01.2010 auch ein erster Hilfstrupp der in München angesiedelten NGO (non governmental organization) DEMIRA mitsamt Notfallausrüstung und einem Container voll mit Medikamenten und Hilfsgütern in Richtung Haiti. Ich selber machte mich erst in der zweiten Gruppe mit insg. 4 weiteren Mitstreitern auf den Weg. Mit gemischten Gefühlen, unklar, was genau uns in Haiti erwarten würde, bestiegen wir am 28.01.10, bereits 16 Tage nach dem Beben, den Flieger in Richtung Dominikanische Republik. Aus Medienberichten wurde bekannt, dass inzwischen die aktive Suche nach Überlebenden des Erdbebens eingestellt wurde, gleichzeitig würden in der Hauptstadt Port-au-Prince Plünderungen, Raub, Vergewaltigungen und offene Gewalt die Oberhand gewinnen.

Haiti, einst erstes lateinamerikanisches Land, welches sich von einer Kolonialmacht befreien konnte (1804) und um 1780 den überwiegenden Anteil des in Europa eingeführten Kaffees (60%) und Zuckers (40%) stellte, erlebte durch Korruption und Fehlwirtschaft in den Folgejahren bis heute einen massiven Zusammenbruch, so dass es bereits seit langem zu den drei ärmsten Ländern der Welt gerechnet wird. Bereits vor dem aktuell geschehenen Erdbeben wird über die Hauptstadt Port-au-Prince berichtet, sie bestehe aus einem einzigen Slum.

Nachdem nun die ohnehin nicht funktionierende Infrastruktur des Landes komplett zusammengebrochen war und öffentliche internationale Flüge nicht vorhanden waren, gestaltete sich bereits die Einreise in das Land als äußerst schwierig. Es kostete uns in Santo Domingo insg. 12h, um Plätze in einem der zweimal täglich fliegenden UN-Flugzeuge zu bekommen und damit weiter nach Port-au-Prince zu reisen. Auch im weiteren Verlauf der Reise stellte sich heraus, dass Geduld bei einem solchen Einsatz eine Tugend ist. Seit 2004 stellt die UN eine wechselnde Anzahl an Soldaten und Zivilangestellten zur inneren Stabilisierung und zum Wiederaufbau Haitis, so dass eine feste Basis bereits vorhanden war. Allerdings wurde auch das Hauptgelände der UN durch das Beben nicht verschont, das logistische Gelände und ein Stützpunkt um den Flughafen waren jedoch noch funktionsfähig. Letzterer sollte uns sowie zahlreichen anderen Hilfsorganisationen als Unterkunft dienen.

Behelfsmäßig wurde ein sog. „Transit-Camp“ auf dem Cargo-Gelände des Flughafens eingerichtet. Sanitäre Anlagen waren hier nicht vorhanden, und so hieß es neben dem Schlafen in Zelten auf Isomatten oder Sanitätsliegen, dass lediglich chemische Toiletten aus dem eigens mitgebrachten Fundus sowie Solarduschen (ein schwarzer 25l-Beutel mit einem kleinen Schlauch als Brause) benutzt werden konnten. Unsere Camping-Nachbarn waren eine große Gruppe portugiesischer Feuerwehrleute, welche die Dusch- und Toilettenproblematik mit professioneller Kunst einigermaßen im Griff hatten, so dass wir freundlicherweise ihr „sanitären Anlagen“ mitbenutzen durften. Nicht dass dieses Problem die Lagerfeuerromantik schon genug trübte, lag der Platz unserer Zelte ca. 100m von der Landebahn des inzwischen von der US-Armee eingenommenen Cargo-Flughafens entfernt. Nachtschlaf war somit schwierig. Im Stundenabstand landeten und starteten die schweren Frachtmaschinen und brachte eine unzählige Masse an Hilfsgütern sowie militärischen Materials nach Haiti. In Zusammenschau aller Dinge entschlossen wir uns nach zwei unruhigen Nächten, unsere Zelte doch im Permanent-Camp der UN aufzuschlagen. Hier war der Hauptbetrieb mit den großen Organisationen wie Unicef, OIM oder den großen UN-Abteilungen, hier gab es zu fast jeder Stunde ein anderes Cluster-Meeting und hier gab es fest installierte sanitäre Anlagen (leider lediglich für ca. 500 dort nur arbeitende Menschen ausgerüstet, so dass die teilweise vorhandenen 2000 Personen doch ab und zu auf eine der 15 Duschen oder ca. 19 Waschräume warten mussten). Weiter gab es eine Cafeteria, in welcher morgens wahlweise Haferschleim oder Spaghetti Bolognese und abends Hähnchen in allen Variationen mit Pommes frites auf dem Speiseplan standen.

Nach reichlich Vorarbeit unseres ersten Teams machten wir uns am Sonntagmorgen schließlich das erste Mal auf zu unserem Arbeitsplatz. Der Weg führte ca. 45min (bis zu 2h in Abhängigkeit des Verkehres) durch die Stadt, so dass wir dann gleich am ersten Tag einen Einblick in das Ausmaß der Zerstörung bekommen konnten. Zunächst trauten wir unseren Augen nicht, da bereits das alltägliche Leben der Menschen wieder angefangen hatte. Es gab Straßenmärkte, viele Menschen zu Fuß auf der Straße und eine unglaubliche Menge an Autos mit einem ständigen Stau im gesamten Stadtgebiet. Zu unserer Überraschung stellten wir fest, dass es entgegen den Nachrichtenberichten tatsächlich eine ganze Reihe gut erhaltener Gebiete gab. In den folgenden Erkundungstouren sahen wir dann allerdings auch, dass es punktuell eine extreme Zerstörung der Stadtteile gab, andererseits eben auch einige Gebiete kaum zerstört waren.

Unser Einsatzgebiet selbst lag inmitten eines großen Flüchtlingscamps, welches sich auf dem hügeligen Gelände eines ehemaligen Country-Clubs (Petionville im Stadtteil Delmas) ausbreitete. Schätzungen zufolge lebten anfangs ca. 70.000 Menschen dort, gegen Ende waren es dann bereits 100.000. Den Zugang zum Camp konnten wir auf der Ladefläche unseres Pick-ups nur durch den alten Zugang zum Country-Club erlangen. Diese Gebäude selbst (samt Pool) waren bereits vom US-Militär eingenommen, welche ein klimatisiertes Zeltlazarett auf dem Hügel aufgebaut hatten. Auf den Tennisanlagen und dem Rugbyfeld campierten US-Soldaten neben einer israelischen Hilfsorganisation und einer von Sean Penn, dem Hollywood Schauspieler ins Leben gerufenen Hilfsorganisation. Letztere übernahm die Koordination der verschiedenen Gruppen innerhalb des Flüchtlingscamps.

In Sektor 5 des Camps stand nun unser Zelt. Ein weißes Mannschaftszelt, das zu einer kleinen Ambulanz mit 7 – 8 Liegen / Feldbetten ausgestattet war. Im Zelt arbeiteten nicht nur wir, sondern wechselnd andere Krankenschwestern, Rettungssanitärer oder Mediziner der anderen Organisationen. Einen ersten Vorrat an Medikamenten und Verbandsmaterial wurde bereits aus Deutschland angeliefert, allerdings mussten täglich, je nach Verbrauch, bestimmte Dinge nachorganisiert werden. Hier konnten wir erfreulicherweise teilweise auf die Apotheke des US-Militärs zurückgreifen, teilweise musste jedoch auch in der WHO-Apotheke eingekauft werden.

Durchschnittlich sahen wir in der Klinik ca. 250 Patienten am Tag. Geduldig stellten sich diese in der prallen Sonne stundenlang in die Schlange, um dann endlich ins Zelt gerufen zu werden. Wir verfügten glücklicherweise über einen Generator und ein paar Ventilatoren, so dass wir im Zelt Temperaturen von knapp über 40°C halten konnten. Zeiten ohne Benzin für den Generator waren unerträglich und bedürfen keines weiteren Kommentares!

Die Versorgung der Patienten kann man am ehesten als Grundversorgung beschreiben, hierunter fielen ca. 60 – 70% pädiatrische Fälle. Die häufigsten beklagten Beschwerden waren Fieber und Husten, Bauchschmerzen und Durchfälle sowie bei fast allen Anämie. Frauen klagten überdurchschnittlich häufig über vaginale Infektionen, Männer über inguinale Hernien. Selbst unsere Zivilisationskrankheiten wie Hypertonus und Diabetes mellitus konnten wir in nicht zu geringer Anzahl wiederfinden. Natürlich stellte ein großer Anteil der Patienten auch die Wundversorgung. Teilweise sah man hier sehr schlecht heilende Wunden.

In den ersten Tagen war es für alle von uns schwierig mit dieser doch eher als Hausarzttätigkeit zu beschreibenden Tätigkeit klarzukommen, da es nicht unbedingt das war, was wir alle erwartet hatten. Nach und nach wurde uns aber klar, dass diese Menschen einfach alles verloren haben und eben auch die Möglichkeit, einfach mal eben zum Arzt zu gehen und sich über Kopfschmerzen zu beklagen. Eine große Anzahl der Patienten litt bestimmt auch an einer posttraumatisch bedingten psychischen Problematik, welche einfach nur der Aufmerksamkeit bedurfte. Somit konnten wir dann doch richtig Gefallen an der Arbeit finden und trotz fehlender großer Traumatologie mit dem Gefühl nach Hause gehen, wenigstens einem kleinen Teil der Menschen Erleichterung gebracht zu haben.

Interessant wurde die Arbeit jedoch schon durch die nicht ganz einfachen oder alltäglichen Erkrankungen, welche dann auch in stationäre Hände gehörten und deren Transport und Unterbringung von uns zu organisieren war. Dazu gehörten v.a. die kleinen Kinder mit schweren Pneumonien oder Diarrhoen, welche die bereits unterernährten Kinder weiter schwächten. Eine große Hilfe bei der Unterbringung war hierbei das am Berg gelegene US-Lazarett. Täglich wurde von dort mind. ein Krankentransport in die umliegenden Kliniken zur weiteren Versorgung organisiert. Einige exotische Erkrankungen wie epileptische Anfälle oder Eklampsie waren auch vorhanden. Der Chirurg unseres Teams war immer wieder mit Abszessspaltung oder Frakturreposition gefragt. Unerfreulicherweise sahen wir einige Patientin, bei welchen im Eifer des Gefechtes Frakturen schlecht reponiert und versorgt wurden (z.B. auch eine in einem zirkulären Gips versorgte frische Fraktur mit jetzt aufgetretenem Kompartment-Syndrom).

Die Nachmittage nach der Klinik konnten wir bis zum Einbruch der Dunkelheit noch mit Einsätzen außerhalb unserer Ambulanz im Sinne einer mobilen Klinik füllen. So waren wir z.B. einen Nachmittag lang in einem Waisenhaus. Hier wurden uns bereits beim Eintreffen 3 Kinder von den Schwestern gebracht, die ihnen aufgefallen waren. Eine kleine Reihenuntersuchung mit Fiebermessen konnte dann noch ein paar weitere Kinder als krank ausweisen. Einen anderen Nachmittag verbrachten wir in Militärbegleitung / -schutz in einem unzugänglichen Stadtviertel, ebenfalls mit in Koffern verstautem Equipment und den ähnlichen Krankheitsbildern wie wir sie bereits aus der Feldklinik kannten.

Insgesamt war dies eine sehr interessante Erfahrung für mich mit vielen Dingen, die ich abseits der medizinischen Versorgung der Patienten erfahren durfte und mich teilweise auch sehr nachdenklich stimmten. Wer denkt, dass Nothilfe einfach so funktioniert und alle beteiligten Organisationen an einem Strang ziehen, um möglichst zusammen effektiv zu sein, der irrt. Tägliche Meetings mit WHO, Unicef und Co. brachten auch nach dem 10.-Mal keine neuen Erkenntnisse. Jede Organisation versucht, den am besten pressebesuchten Standpunkt bekommen und das größte Banner aufhängen zu können. Und es stellten sich weitere Fragen wie zum Beispiel: Warum braucht es eine ganze Armada an Menschen, die den lieben langen Tag in mit Holzschreibtischen, Druckern und mit fest installierten PCs versorgten Zelten sitzen? Oder wozu braucht die UN einen ganzen Fuhrpark an Geländefahrzeugen, die dann aber in den 2 Wochen meines Aufenthaltes nie bewegt wurden. Warum erzählt uns ein UN-Mitarbeiter, dass er vor einigen Tagen einen Laster voll Generatoren bekommen hat, von denen niemand Bescheid weiß und die nun einfach so mal umherstehen. Man sieht eben an diesen Dingen, dass eine Katastrophensituation noch so gut geplant und überdacht werden kann, kommt sie dann in die Realität die meisten Konzepte versagen und man alles neu arrangieren muss.

Was mich allerdings am meisten erstaunte und mich fragend in der Ecke stehen ließ war: wie kann es sein, dass Menschen gerade eine unglaubliche Katastrophe erlebten, am Rande des Nichts stehen und es dann allabendlich schaffen zu Hunderten einer religiösen Zeremonie beizuwohnen, in welcher die pure Lebensfreude und positive Energie selbst auf uns überschwappte???

Tabea Hochstetter, Ärztin in der internistischen Weiterbildung in Frankfurt

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